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Neros Journal · Aus der Praxis

Schweinerummel

Ich weiß nicht, wieso gerade ich auf die Idee kam, wandern zu gehen. Vielleicht war es der Wunsch, Dinge zu tun, um Antworten Raum zu schaffen. Derzeit plage ich mich mit einem Haufen Problemen herum. Einerseits befinde ich mich noch in einer Erbauseinandersetzung mit den Eltern meiner verstorbenen Frau, hinzu kommen ein Rechtsstreit mit meinem eigenen Anwalt und die Suche als Immobilienmakler/Sachverständiger nach Aufträgen. Alles hat mit der eigenen Existenz zu tun, einem Zustand, dem man als psychisch gestörter Mensch nicht viel Beachtung schenken möchte. Denn wer denkt schon gern darüber nach, wer er ist, was er sein möchte und was er wird? Ich sicherlich nicht, genauso wenig, wie ich sinnlos durch die Gegend laufe. Letzteres verändert sich allerdings, sobald man auf der Suche nach etwas ist. Eine Recherche vom „Homeoffice“ aus hilft nur bedingt, sobald es um tatsächliche Lebensweisheiten geht. Diese können wir nicht duplizieren, um ausreichend auf alles vorbereitet zu sein. Dessen bin ich mir bewusst – und auch über die Tatsache, dass die Zeit nicht messbar ist, wenn niemandem bekannt ist, wie spät es ist. Also schnappte ich mir Pinki, liebevoll und im Selbstschutz „Lebensabschnittsgefährtin“ genannt, und begab mich in Richtung Mützdorf, eine kleine Ortschaft in der Nähe von Wiesenburg/Mark. Auf dem Weg dorthin findet ihr auf dem weiten Flur, abseits der Landstraße, einen Parkplatz mit Infotafel, die zu einem Wander- und Radweg gehört. Immer wieder fuhr ich an ihm vorbei, wohlgemerkt mit der festen Absicht, irgendwann zu erfahren, wohin der Weg führt. Und nun war es wohl so weit. Um 14:28 machte ich das erste Foto und startete damit die Wanderung – eine, die mir beibringen sollte, lieber zweimal nachzusehen, statt jedem Wegweiser blind zu folgen.

Ihr könnt euch vorstellen, dass das Brandenburger Land recht flach ist. Wenn ihr in eine Richtung schaut, erkennt ihr, was hinter euch liegt: ein paar Wälder, viele Felder und dazwischen die Orte, Städte und Gemeinden. Doch hier und dort, an gegebener Stelle – entweder durch die Natur oder Menschenhand – verändert sich das Monotone und eröffnet einen ganz eigenen Lebensraum. Dieser hier ist im eigentlichen Sinne kein Naturschauspiel, sondern ein Schaden. Mächtige Eisgletscher, aus weit entfernten Ländern, drückten sich in den Boden und dellten ihn ein. Mit den Jahrtausenden formte sich eine Art Flusslauf, der allerdings seine ganz eigene Aufgabe verfolgte. So war es hier meist trocken. Nur starke Regenschauer und mächtige Stürme brachten ausreichend Wasser mit sich, wodurch sich die Rummel mit Wasser füllte und zeitweise zu einem reißenden Bach wurde. Doch dazu kommen wir noch.

Der erste Anlaufpunkt war ein Findling. Das bereits erwähnte Eis brachte ihn wohl aus Skandinavien mit. Mitten auf dem Acker blieb er liegen – bis heute. Eine Sage behauptet dagegen, dass drei Riesen jeweils eine Burg bauen wollten, um als erstes fertig zu werden. Als die beiden überproportionalen Schwergewichte erahnten, dass der Bauherr in Bad Belzig wohl als Erster einziehen könnte, übermannte selbst den Größten das kleinste, gemeine Gefühl: Neid. Drum schleuderten sie, wie es große Kinder nun mal tun, Steine in Richtung des vermeintlichen Gewinners. Nicht alle trafen, und so landete eines dieser Geschosse auf dem vor mir befindlichen Feld. Nachdem ich die Geschichte von der Infotafel erfuhr, war ich mir sicher: Es waren die Riesen. Das dachten wohl auch die Vorväter und nannten ihn deshalb den „Riesenstein“. Er empfing uns inmitten von Sonnenblumen. Kaum übersehbar, nur von Weitem nicht zu erkennen – dafür ist die Landschaft zu flach. Er soll unsere Runde eröffnen, und mit ihm endet auch die Reise.

Der zweite Ort auf dem Wanderweg war die Brautrummel. Wir haben schon die Tücken des Trockentals gehört, doch gesehen haben soll es ein junges verliebtes Paar, lange vor unserer Zeit. Sie suchten sich zum Schutz vor neugierigen Augen einen gemütlichen Fleck für eine wahrscheinlich sachliche Erkundung ihrer Körper. Dabei kam ein Unwetter auf und das Unglück nahm seinen Lauf. Überrascht von den aufkommenden Wassermassen starben sie in der Flut. So kam es zu dieser Bezeichnung, die bis heute die Sage in sich weiterträgt. Ein Künstler hat hier ein Feldbett kreiert, das dem müden Wandersmann und -frau zum Träumen einlädt. Wir gehen weiter, verlassen die Senke und begeben uns flussaufwärts zum Schollenstein. Ich wüsste nicht, wie ausschweifend ich über ihn berichten könnte. In einer Sackgasse, versteckt hinter Gestrüpp, ragt dieser kleine Monolith aus einem Erdwall. Obwohl er unscheinbar wirkt, schaue ich ihn mir ganz genau an. Ich ertaste die Struktur, die ungeschliffenen Kanten, die raue Oberfläche. Ganz anders als der massive Brocken auf dem Feld. Darüber ragt ein Baumstumpf. Auch dieser könnte im gesamten Bild untergehen, wirkt belanglos und ist ja eh schon tot. Doch er ist ein natürliches Zuhause für die ein oder andere Käferart. Sei sie beliebt oder nicht, es gehört dazu und zeigt, dass selbst im letzten Winkel Leben vorkommen kann, obwohl der Rest ausgestorben wirkt.

Wegweiser – das kann ein Job ohne Sprache sein. Es reichen Symbole, einen Pfeil oder eine Linie, und schon können wir uns leiten lassen. Ich lese auf dem Schild „Schweinerummel 100 Meter“ und „Alter Feldbrunnen 1,6 Kilometer“. Ich mache einen Scherz: „Dann gehe ich wohl die letzten 1,5 Kilometer zum Brunnen alleine.“ Es dauert kurz, dann kommt der Witz an. „Ey, du bist ja wieder gemein“, erwidert Pinki und versteht das Wortspiel. Erheitert zeige ich in Richtung des Weges, auf den das Schild zeigt. 100 Meter weiter die erste Unsicherheit. Ist das der richtige Weg? Nach gefühlten 400 Metern dann das ungute Gefühl, nicht richtig zu sein. Wir gehen die Strecke zurück zur ersten Weggabelung. Ohne nochmals auf das Schild zu achten, passieren wir die nächste Abbiegung und laufen mit neuen Zweifeln weiter. „Auch dieser Weg kann es nicht sein“, wenigstens das wissen wir. Es bleibt nichts anderes übrig, als wieder umzukehren und einen dritten möglichen Weg zu nutzen. Auch er war nicht der offizielle Wanderweg. Leicht genervt zücke ich das Handy. Kein Netz, allerdings Kompass und die digitale Karte funktionierten. Wir schauten nach der groben Richtung und liefen irgendwie dem Ziel entgegen. Ich war mir sicher, wenn wir erst dort sind, erfahren wir, welcher Weg der richtige gewesen wäre. Entlang am dichten Nadelwald auf der einen Seite, auf der anderen weitläufige Felder, stapften wir den Wirtschaftsweg entlang. Etwa zehn Minuten vor dem Brunnen trafen wir auf dem vorgegebenen Pfad.

Etwas ernüchternd blicke ich in den Brunnen. Knapp zwei Meter tief, mit Feldsteinen ausgekleidet und ausgetrocknet. Das Bild der Infotafel zeigt ein satteres Grün und eine bis oben mit Wasser gefüllte Steingrube. War es das wert? Vielleicht ist das der Grundgedanke für viele Probleme im Leben. Da kommt auch die Frage auf: War es das wert? Und sobald wir die Frage in dieser Zeitform stellen müssen, ist es doch eigentlich schon zu spät. Besser ist der gestellt, der sich noch über den Sinn einig werden kann, bevor die Situation in den Raum eintritt. Weg vom Gedanken des Wertes, verfolgt mein Kopf eine ganz andere Denkweise. Dieser Brunnen gehörte zu einer Wüstung, die Groß Glien hieß. In der Hochzeit besaß der Ort kaum mehr als ein Dutzend Einwohner, bis im 19. Jahrhundert schließlich die letzten Grundmauern der noch stehenden Gebäude dem Boden gleichgemacht wurden. Heute erinnern Wege, Kunstwerke und grüne Oasen an den einstigen Wandel. „Was gestern war, muss heute nicht mehr sein“, denke ich mir, und so beschließen wir, uns auf den Rückweg zu machen, diesmal den Weg, den wir zuerst nicht fanden. Jetzt kam die Schweinerummel, auch ein Trockental, welches in Vorzeiten genauso schattig lag wie das Bett in der Brautrummel. Doch die Käfer, der Sturm und die Trockenheit setzten dem hiesigen Baumbestand zu, bis 2013 auch der letzte Baum vom Wind weggedrückt wurde. Der Name „Schweinerummel“ kommt übrigens daher, weil sich in dieser Senke tatsächlich Schweine sehr wohlfühlen. Heute hört man nichts grunzen. Kein einziger Ton war menschengemacht. Die Stille machte deutlich, wie laut es um uns herum geworden ist. Hier setzten wir uns hin, genossen den Augenblick und die Sonne auf unserer Haut. „Danke“, sagt Pinki in einem stillen Moment und meint damit das, was ich früher öfter mit ihr gemacht habe: wandern gegangen, die Natur erlebt und die Geschichte belebt. Das kommt viel zu kurz, wenn Verantwortung dazukommt.

Noch sind es einige Schritte bis zur Erkenntnis, nicht allem und jedem Glauben zu schenken, nur weil er offiziell aussieht. Denn wir kommen an dem Wegweiser an, der uns zuerst in die Irre geführt hat. Schon vorher haben wir vermutet, dass damit irgendwas nicht stimmen konnte. Und so war es auch. Wir sahen nicht richtig hin, suchten nach dem, was wir wollten, ohne zu beachten, was wir brauchen. Sicherheit bedeutet, das gesamte Bild nicht außer Acht zu lassen. Was wir nämlich übersehen haben, ist, dass der Wegweiser nur provisorisch aufgestellt wurde, in eine Mulde, in die eigentlich das Fundament hineingehört. Dieses lag allerdings plump daneben auf dem Boden, und wir haben es nicht gesehen. Die Antworten, die wir suchen und vermeintlich finden, müssen sich nicht immer in der richtigen Position befinden. Erkenntnisse und Weisheiten sind in einigen Fällen Rohware, die erst zubereitet werden müssen. Daran scheitert dann oft die eigene Entwicklung, da mit dem Verzehr auch unser eigenes Leben durchgekaut werden muss. Fragen wie zum Beispiel: „Kann das der richtige Weg sein, obwohl mir dazu geraten wird?“, kann ein tatkräftiges Hirn zum Stolpern bringen.

Am Ende stehen wir vor dem letzten Wegweiser, und die Richtung ist bekannt. Es gibt einen direkten Weg zum Parkplatz oder einen rund 300 Meter längeren doch unbekannten Weg, der den Riesenstein vom Anfang nochmals aufgreift. Wir entscheiden uns für den etwas längeren Weg und bemerken anhand der Begehbarkeit, dass wir eine Ausnahme im System darstellen. Während alle anderen Wege gut ausgelatscht waren, mussten wir uns jetzt etwas durch die zugewucherte Natur kämpfen. Die meisten, die vor derselben Frage wie wir standen, gingen lieber den kürzeren Weg. Wir haben uns gedacht, da wir eh schon länger gelaufen sind, dann stören diese paar Minuten auch nicht mehr. Und vielleicht ist das auch eine der Antworten, die mir meine eigene Entscheidung einbrachte. Denn beim ersten Besuch beim Riesenstein hatte ich keine Ambitionen, mich auf den Stein zu setzen, ihn zu fühlen, um den Augenblick greifbarer zu machen. Jetzt war es anders. Erschöpft ließ ich mich nieder und atmete tief ein und wieder aus. Hier war er, der Augenblick ohne Zeittickern, ohne Verantwortung und ohne Probleme. Er lag auf dem Felsen, und ich atmete ihn ein. Die Luft roch nach Tatendrang und Optimismus. Vielleicht war es auch das Parfüm von Pinki, doch irgendwas lag dort und schwebte durch die Gedanken.

Frei sein – das ist nicht nur ein Zustand, sondern ein Gedanke, ein Wissen und ein Fühlen. 17:28 Uhr – ich bin freier.

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